Gezeiten- und Wellenenergie nutzen die kinetische Energie von Gezeitenströmungen und Oberflächenwellen zur Stromerzeugung - mit einem Vorteil, den zumindest die Gezeitenenergie gegenüber Wind- und Solarenergie hat: Gezeitenströme sind Jahrzehnte im Voraus berechenbar. Weltweit sind rund 508 MW Meeresenergie installiert, weniger als die Leistung eines einzigen großen Offshore-Windparks. In Gezeiten-, Wellen- und Meeresenergie waren 2023 rund 1.000 Beschäftigte tätig, davon mindestens 415 Vollzeitäquivalente in der EU bei spezialisierten Technologieentwicklern. Nach sechs Jahrzehnten Forschung hat die Branche die Marktreife noch nicht erreicht.
Trotzdem steht sie an einem Wendepunkt. Das Vereinigte Königreich vergab in seiner jüngsten CfD-Auktion 28 MW an Gezeitenstromprojekte. Frankreich bewilligte 126 Millionen Euro für zwei Gezeitenenergie-Parks, und CorPower Ocean sicherte sich 49,5 Millionen Euro, um seine Wellenenergietechnologie zur Marktreife zu bringen.
Halten diese Projekte, was sie versprechen, könnten bis 2050 weltweit 680.000 direkte Arbeitsplätze entstehen; der Branchenverband Ocean Energy Europe rechnet bei 100 GW installierter Leistung mit 400.000 Arbeitsplätzen in Europa bis 2050 - eine an politische Weichenstellungen geknüpfte Erwartung der Branche, keine unabhängige Prognose. Deutschland taucht in dieser Rechnung nicht als Betreiber auf, sondern als Zulieferer, Komponentenhersteller und Forschungsstandort. Für die Energiewende ist Meeresenergie eine Ergänzung, kein Ersatz: Gezeitenstrom ist exakt planbar, Wellenenergie erschließt Küsten ohne nutzbare Strömung.

Gezeitenstrom und Wellenenergie
Die Branche zerfällt in zwei Technologiestränge, die technisch wenig miteinander gemein haben und unterschiedlich weit entwickelt sind. Im einen entstehen bereits kleine kommerzielle Parks, im anderen ist noch offen, welche Bauform sich durchsetzt.
Gezeitenstromenergie
Gezeitenstromturbinen - Rotoren, die im Gezeitenstrom stehen - sind das Unterwasser-Gegenstück zur Offshore-Windkraft. Die Technik ist erprobt, die Anlagen werden größer, und mehrere Hersteller haben den Sprung vom Prototyp zum kleinen kommerziellen Park geschafft.
Schottlands MeyGen-Projekt ist das Flaggschiff: 6 MW in Betrieb seit 2018, mit einem Ausbau um 59 MW in mehreren Bauabschnitten bis 2027-2029. Orbital Marine Power betreibt vor Orkney die weltweit leistungsstärkste Gezeitenturbine (O2, 2 MW) und plant sechs weitere Anlagen ab 2028. In Frankreich sicherten sich die Projekte FloWatt (17 MW) und NH1 (12 MW) Einspeisevergütungen und staatliche Förderung über 20 Jahre. Minesto brachte auf den Färöer-Inseln seinen Dragon 12 (1,2 MW) im Februar 2024 ans Netz - einen Gezeitendrachen, der rund 200 Haushalte versorgen konnte; seit März 2026 liegt er zur Wartung an Land. Minesto plant 200 MW an sieben Standorten, die 40 Prozent des färöischen Strombedarfs decken sollen.

Die Arbeit ähnelt der in der Offshore-Technik: Unterwasserinstallation, Hochspannungs-Netzanschluss, Fernüberwachung, schiffsgestützte Instandhaltung. Wer aus der Offshore-Windkraft oder aus der Öl- und Gasbranche kommt, bringt das meiste davon mit.
Wellenenergie
Wellenenergiekonverter stehen noch am Anfang. Dutzende konkurrierende Bauformen - oszillierende Wassersäulen, Punktabsorber, Überlaufsysteme, küstengebundene Anlagen - ringen um die Vorherrschaft, und ein Gewinner ist nicht in Sicht. Das bremst und lockt zugleich: Die Zersplitterung verzögert die Kommerzialisierung, aber Erfindergeist im Entwurf zahlt sich hier noch aus.
CorPower Ocean hat sich an die Spitze gesetzt. Der C4-Konverter überstand im November 2023 18,5 Meter hohe Sturmwellen und wies damit die Funktion seiner Phasenregelung nach. Das Unternehmen treibt zwei Großprojekte voran: ein 10-MW-Wellenpark in Portugal (40 Mio. Euro EU-Innovationsfonds, Betrieb 2029) und eine 5-MW-Anlage am EMEC in Schottland (19 Mio. Euro, Betrieb 2029).
Wellenenergie braucht ein breiteres Spektrum an Fachrichtungen als Gezeitenenergie: Fachleute für Verbundwerkstoffe, Fachleute für Verankerungstechnik, Konstrukteure für Power-take-off-Systeme (PTO), Hydrodynamiker und Datenanalysten, die Ertragsdaten bei wechselndem Seegang auswerten. Zusammen mit der Meereswärmenutzung (OTEC) und der Osmosekraft bildet sie den am wenigsten entwickelten, technisch aber vielfältigsten Teil der Meeresenergie.
Wo in Europa gebaut wird
Die Arbeitsplätze der Meeresenergie konzentrieren sich auf wenige Länder, in denen drei Voraussetzungen zusammenkommen: eine Förderpolitik, eine geeignete Küste und eine bestehende Offshore-Industrie. Schnelle Gezeitenströme und schwere Atlantikdünung treten nur dort auf, wo die Geografie sie hervorbringt, und nur an wenigen dieser Stellen gibt es auch Häfen, Schiffe und Ingenieurbüros.

Vereinigtes Königreich
Schottland ist das Zentrum der Gezeitenstromentwicklung. Der Pentland Firth zwischen dem schottischen Festland und Orkney hat einige der schnellsten Gezeitenströmungen der Welt. Die britische Regierung reservierte in ihrer jüngsten CfD-Runde ein eigenes Budget für Gezeitenstrom und vergab 28 MW an sechs Projekte zu Vergütungssätzen um 172 £/MWh; damit liegt das Vereinigte Königreich auf Kurs für über 130 MW bis 2029.
Die wichtigsten Standorte sind MeyGen in Caithness, das European Marine Energy Centre EMEC auf Orkney, der Gezeitenstrompark von Nova Innovation vor Shetland und der geplante 170-MW-Park von Orbital Marine vor Westray. Die meisten Arbeitgeber sitzen in Edinburgh, Orkney, Inverness und Shetland. Wer aus dem Küsteningenieurwesen, der Unterwassertechnik oder der Projektentwicklung kommt, findet hier weltweit die meisten laufenden Vorhaben. Die Branche könnte der schottischen Wirtschaft bis 2050 8 Milliarden Pfund einbringen und über 15.000 Arbeitsplätze im Vereinigten Königreich schaffen, dazu 46.000 weltweit.
Frankreich
Von den 126 Millionen Euro für die beiden Gezeitenprojekte stammen 75 Mio. Euro aus dem France-2030-Plan und 51 Mio. Euro aus dem EU-Innovationsfonds; beide Projekte sind durch 20-jährige Einspeisevergütungen abgesichert. FloWatt (17 MW) und NH1 (12 MW) sollen bis 2028 in Betrieb gehen und über ihre Laufzeit schätzungsweise 6.000 standortgebundene Arbeitsplätze sichern. HydroQuest führt das FloWatt-Konsortium und beschäftigt 30 Mitarbeiter, 80 Prozent davon Ingenieure. Am längsten genutzt wird Gezeitenenergie allerdings an der Rance: EDF betreibt dort seit 1966 ein Gezeitenkraftwerk mit 240 MW - ein Sperrwerk, das mit den hier beschriebenen Strömungsturbinen technisch nichts gemein hat. Frankreichs mehrjährige Energieplanung (PPE) bestätigt ein Ausbauziel von 250 MW Gezeitenenergie mit einer ersten Ausschreibung bis 2030.

Portugal, Färöer und weitere Standorte
An Portugals Küste liegt das größere der beiden Leuchtturmprojekte von CorPower; das Land verfolgt ein nationales Ziel von 200 MW Wellenenergie bis 2030. Die Färöer-Inseln setzen auf den Gezeitendrachen von Minesto. In den USA ist PacWave South in Oregon seit August 2026 als netzgekoppelte Testanlage für Wellenenergie in Betrieb. China startete eine landesweite Bestandsaufnahme der Meeresenergie und verfolgt ein Ausbauziel von 400 MW installierter Leistung bis 2030.
Deutschland als Zulieferer und Forschungsstandort
Deutschland hat keine eigenen Gezeitenkraftwerke in Betrieb - das geschätzte Potenzial der Nordsee-Gezeitenströmungen von 67-566 GWh/Jahr reicht für große kommerzielle Anlagen nicht aus. In der europäischen Meeresenergie war die deutsche Industrie dennoch früh verankert - als Lieferant und Entwickler.
Komponentenhersteller
SCHOTTEL HYDRO aus Spay am Rhein ist der wichtigste deutsche Akteur: Das Unternehmen liefert seine SIT-Gezeitenturbinen und Triebstränge an Projektentwickler wie QED Naval und Minesto. Im Forschungsprojekt TidalPower entwickelte es bis Juni 2018 gemeinsam mit dem Fraunhofer IEE in Kassel, der Universität Siegen und zwei Schiffbau-Versuchsanstalten eine schwimmende Turbinenplattform. Voith Hydro aus Heidenheim installierte Ende 2013 seine HyTide-1000-Gezeitenturbine (1 MW) am EMEC vor Eday, baute sie 2015 wieder ab und zog sich aus der Gezeitenenergie zurück. Weitere deutsche Zulieferer steuern Komponenten für europäische Projekte: Bosch Rexroth (Hydraulik und Power-Take-off), Schaeffler (Lager), thyssenkrupp und Hydac. REAC Energy testete seinen modularen StreamCube-Prototyp (6 kW) im Oktober 2017 in den Gewässern vor Orkney.
Forschungsinfrastruktur
Rund 15 Forschungsinstitute und Universitäten in Deutschland arbeiteten in den Jahren bis 2017 an Wellen-, Gezeitenstrom- und Osmosekrafttechnologien. Der Große Wellenkanal (GWK+) in Hannover - rund 300 Meter lang - erzeugt Strömungen und bis zu drei Meter hohe Wellen und ist einer der größten Wellenkanäle der Welt.
Für Ingenieure und Techniker heißt das: Eine Laufbahn in der deutschen Meeresenergie beginnt selten auf See und meistens im Labor, im Konstruktionsbüro oder in der Fertigungshalle. Die Arbeit überschneidet sich stark mit der Offshore-Technik, der Schiffstechnik und Maschinenbau.
Berufsbilder entlang der Wertschöpfungskette
Ingenieurwesen und Forschung
Der Großteil der Stellen liegt heute in der Entwicklung. Schiffbauingenieure entwerfen Rotorblätter, Verankerungen und Unterwasserplattformen. Hydrodynamiker rechnen Gezeitenströme und Wellenspektren durch, um die Energieausbeute zu optimieren. Elektroingenieure verantworten Leistungselektronik, Netzanschluss und Unterwassersteuerungen. Werkstoffwissenschaftler entwickeln Verbundwerkstoffe, die Jahrzehnte im Meerwasser und unter Dauerlast standhalten.
Die Arbeit ist iterativ: entwerfen, im Wellenkanal und auf See testen, Ausfälle analysieren, neu konstruieren. Viele steigen über Promotionsstellen, Praktika an Forschungsinstituten oder spezialisierte Masterstudiengänge ein.

Projektentwicklung und Installation
Sobald aus einzelnen Demonstrationsanlagen Parks mit mehreren Turbinen werden, steigt der Bedarf an Projektmanagern, Umweltplanern, Fachleuten für Genehmigungsverfahren und Offshore-Bauleitern. Diese Berufsbilder decken sich weitgehend mit denen der Offshore-Windkraft, und Personalabteilungen werben gezielt Fachkräfte mit Offshore-Wind- oder Öl-und-Gas-Erfahrung ab.
Die Installation selbst braucht Schiffsführer, Kabelmonteure, ROV-Piloten und Taucherteams. Allein der Ausbau von MeyGen um 59 MW wird Montageteams über mehrere Jahre binden.
Betrieb und Wartung
Sobald eine Anlage läuft, braucht sie Überwachung, Inspektion und Reparatur. Techniker setzen per Servicefahrzeug über oder leben für die Dauer des Einsatzes an Bord eines Wohnschiffs, oft in Zwei-Wochen-Rotationen. Die Arbeit verbindet mechanische und elektrische Fehlersuche; Voraussetzung ist eine Offshore-Sicherheitsschulung, in Europa meist nach GWO-Standard. Leitwarten, wie sie Windparks betreiben, überwachen die Leistung in Echtzeit und schicken bei Störungen Teams hinaus.

Die Zahl dieser Stellen ist noch klein, weil erst wenige Anlagen im Wasser sind. Mit der MeyGen-Erweiterung und den CorPower-Projekten ab 2028-2030 wird sie wachsen.
Gehälter in der Meeresenergie
Belastbare Gehaltsdaten speziell für Meeresenergie gibt es kaum, dafür ist die Zahl der Beschäftigten zu klein. Die meisten Werte stammen aus weiter gefassten Berufsbildern wie Schiffbauingenieur, Offshore-Ingenieur oder Ingenieur für erneuerbare Energien.
| Beruf | Deutschland | Vereinigtes Königreich | Frankreich / Nordeuropa |
|---|---|---|---|
| Schiffbauingenieur | 47.000 - 66.000 € | 40.000 - 48.000 £ | 40.000 - 55.000 € |
| Offshore-Ingenieur | 42.000 - 78.000 € | 45.000 - 75.000 £ | 45.000 - 65.000 € |
| Projektmanager Erneuerbare Energien | 50.000 - 92.000 € | 50.000 - 75.000 £ | 48.000 - 70.000 € |
| Berechnungsingenieur Hydrodynamik | 55.000 - 80.000 € | 40.000 - 60.000 £ | 42.000 - 60.000 € |
| Umweltplaner / Genehmigungsverfahren | 45.000 - 65.000 € | 45.000 - 55.000 £ | 38.000 - 55.000 € |
| Offshore-Servicetechniker | 40.000 - 65.000 € | 35.000 - 50.000 £ | 35.000 - 50.000 € |
Bruttojahresgehälter auf Basis von Daten aus den Jahren 2024 bis 2026 von StepStone, Indeed, SalaryExpert und Astute People; Werte ohne Quellenangabe beruhen auf der Auswertung von Stellenausschreibungen. Offshore-Einsätze werden in der Regel mit Zuschlägen von 20 bis 40 Prozent gegenüber vergleichbaren Tätigkeiten an Land vergütet. Umrechnung: 1 £ ≈ 1,18 €. Der mittlere Bruttojahresverdienst in Deutschland lag 2025 bei rund 54.000 €.
Damit liegen die Gehälter auf dem Niveau der Offshore-Windkraft, bleiben aber hinter der Öl- und Gasindustrie zurück: Bei vergleichbaren Positionen zahlt sie etwa 15 Prozent mehr.
Wichtige Arbeitgeber
Projektentwickler Gezeitenenergie
- Ampeak Energy - Vereinigtes Königreich (Edinburgh), vormals SIMEC Atlantis, betreibt MeyGen, 9 MW in der CfD-Auktion 2024 gesichert
- Orbital Marine Power - Vereinigtes Königreich (Orkney), O2-Turbine (2 MW), 30-MW-Projekt vor Westray in Planung, mit über 120 Mio. £ erwarteter Wertschöpfung bei heimischen Zulieferern; ausgelegt ist das Vorhaben auf 170 MW
- Nova Innovation - Vereinigtes Königreich (Edinburgh), 600-kW-Park in Shetland mit sechs Turbinen, 6 MW über CfD 2024 gesichert, Markteintritt in Kanada (Bay of Fundy)
- Minesto - Schweden, Dragon-12-Gezeitendrachen (1,2 MW) auf den Färöer-Inseln, 200 MW geplant
- HydroQuest - Frankreich, 30 Mitarbeiter, führt das FloWatt-Konsortium (17 MW)
Projektentwickler Wellenenergie
- CorPower Ocean - Schweden / Portugal, der aktivste Arbeitgeber der Wellenenergie, 49,5 Mio. Euro eingesammelt (2024-2025), Projekte in Portugal und Schottland
- Eco Wave Power - Israel / Schweden, küstengebundenes Wellenkraftwerk in Jaffa seit Dezember 2024 in Betrieb, Ausbau in Los Angeles, Taiwan und Portugal
- Ocean Power Technologies - USA, PB3-PowerBuoy-Plattform, Schwerpunkt auf autonomer Offshore-Überwachung
Deutsche Zulieferer und Forschung
- SCHOTTEL HYDRO - Spay am Rhein, SIT-Gezeitenturbinen und Triebstränge für Projektentwickler
- Fraunhofer IEE - Kassel, Forschung zu Meeresenergietechnik und deren Regelungstechnik
- Forschungszentrum Küste (FZK) - Hannover, Betrieb des Großen Wellenkanals GWK+
- Bosch Rexroth, Schaeffler, thyssenkrupp - Komponentenzulieferer für europäische Meeresenergie-Projekte
Beratungsunternehmen und Forschungszentren
Die großen Offshore-Dienstleister - die Klassifikations- und Zertifizierungsgesellschaft DNV, die Ingenieurbüros Ramboll und Wood - erstellen Machbarkeitsstudien, Genehmigungsunterlagen und Netzintegrationsstudien. Das European Marine Energy Centre (EMEC) auf Orkney sowie Forschungsgruppen an der University of Strathclyde und der Bangor University beschäftigen Forschungsingenieure, Ozeanographen und Umweltwissenschaftler. Über diese Einrichtungen führt häufig der Einstieg in die Branche.
Ausbildung und Qualifikationen
Quereinstieg aus anderen Branchen
Die Meeresenergie holt ihre Fachkräfte vor allem aus benachbarten Branchen: aus der Offshore-Windkraft, aus der Öl- und Gasbranche und aus dem Schiffbau. Die Qualifikationen überschneiden sich zu rund 80 Prozent: Unterwasserinstallation, Hochspannungstechnik, Schiffsbetrieb und Arbeit auf See sind nahezu identisch. In einer Befragung von Beschäftigten der Nordsee-Öl-und-Gasindustrie bekundeten 53 Prozent Interesse an einem Wechsel in die Offshore-Windkraft - was sich auf die Meeresenergie übertragen lassen dürfte. Die Hälfte der Beschäftigten im fossilen Sektor verfügt über Qualifikationen, die sich oft nach nur vier Wochen Weiterbildung übertragen lassen.

Diese Wechsel gelingen ohne Zwischenschritt:
- Unterwasseringenieure von Öl- und Gasplattformen in die Montage von Gezeitenturbinen
- Offshore-Windtechniker in Betrieb und Wartung der Meeresenergie
- Schiffbauingenieure in die Turbinen- und Plattformkonstruktion
- Piloten ferngesteuerter Unterwasserfahrzeuge und Berufstaucher in die Unterwasserinspektion
- Elektroingenieure von Offshore-Umspannwerken in die Netzintegration
- Projektmanager aus dem maritimen Wasserbau
Studiengänge in Deutschland
Mehrere deutsche Hochschulen bieten Studiengänge mit Bezug zur Meeresenergie:
- Universität Rostock - M.Sc. Sustainable Maritime Engineering mit Spezialisierung Ocean Engineering, entstanden im Umfeld des Ocean Technology Campus
- TU Berlin - M.Sc. Schiffs- und Meerestechnik, mit Schwerpunkten in Meerestechnik und Energieanlagen maritimer Systeme
- Hochschule Bremerhaven - Bachelor Maritime Technologies, ab dem vierten Semester mit Schwerpunkt Meerestechnik, Windenergie oder Meeresenergie
- Universität Oldenburg - Grundlagensemester des European Master in Renewable Energy; die Spezialisierung Ocean Energy wird am IST Lissabon angeboten
Für Offshore-Einsätze verlangen Arbeitgeber in der Regel das GWO Basic Safety Training; BOSIET und HUET stammen aus der Öl- und Gasbranche und kommen dort hinzu, wo Personal per Hubschrauber an- und abfliegt.
Arbeitsbedingungen
Körperlich verlangt die Meeresenergie ihren Beschäftigten dasselbe ab wie die Offshore-Windkraft, mit einer zusätzlichen Erschwernis: Gezeitenturbinen stehen in starken Strömungen, oft weit vor der Küste, etwa im Pentland Firth oder in der Bay of Fundy. Die Wetterfenster sind eng, und hoher Seegang, Nebel oder zu starke Strömung können einen Einsatz um Tage verzögern. Offshore-Techniker arbeiten in Zwei-Wochen-Rotationen, wohnen auf Service- oder Unterkunftsschiffen und brauchen Nachweise über Überlebenstraining auf See, Erste Hilfe und Brandbekämpfung.
Wer im Büro arbeitet - in Konstruktion, Projektentwicklung, Datenanalyse oder Vertrieb -, kann zunehmend im Homeoffice arbeiten. CorPower, Orbital und Nova Innovation verteilen ihre Teams ohnehin über mehrere Länder.
Weil die Branche experimentell arbeitet, gehören ständiges Nachbessern und gelegentliches Scheitern zum Alltag. Prototypen brechen, Verankerungen versagen, unerwartete Seegangsbedingungen legen Konstruktionsfehler offen. Ingenieure verbringen viel Zeit damit, Leistungsdaten auszuwerten, Modelle nachzukalibrieren und Bauteile neu zu konstruieren - eine Arbeit, die neben Können auch Geduld verlangt.
Die Sicherheitsanforderungen sind hoch. Auf See drohen Gefahren durch Wetter, Schiffsbetrieb, Arbeiten in der Höhe, enge Räume und Hochspannungs-Seekabel. Bei der Vielfalt der Beschäftigten hinkt die Branche hinterher: Frauen stellen laut IRENA etwa 32 Prozent der Beschäftigten im erneuerbaren Energiesektor weltweit, in technischen Offshore-Berufen deutlich weniger.
Risiken einer vorkommerziellen Branche
Wer in die Meeresenergie geht, entscheidet sich nicht für Arbeitsplatzsicherheit. Der installierte Bestand ist winzig, befristete Arbeitsverträge sind verbreitet, und die Branche hat eine lange Reihe gescheiterter Unternehmen hinter sich - Pelamis Wave Power, Aquamarine Power und Dutzende weitere. Die Insolvenz von Northvolt in der Energiespeicherung hat gezeigt, dass Kapital für saubere Technik keinen kommerziellen Erfolg garantiert.

Der Einstieg ist eine Wette. Gelingt die Kommerzialisierung im nächsten Jahrzehnt, haben die Früheinsteiger einen Vorsprung an Erfahrung, technischem Wissen und Kontakten, den Nachzügler so schnell nicht aufholen. Mehrere Ingenieure, die in den 2000er-Jahren in die Branche einstiegen, bekleiden heute Positionen als CTO, Chefingenieur oder Geschäftsführer bei Unternehmen wie CorPower, Orbital und Minesto.
Wer einen sicheren Arbeitsplatz sucht, findet sie in der Offshore-Windkraft. Wer daran mitbauen will, woraus die nächste Offshore-Windkraft werden könnte - und das Risiko des Scheiterns in Kauf nimmt -, trifft in der Meeresenergie auf eine Branche, die Fachkräfte sucht.