Jobs in der Wasserstoffbranche

Jaroslav Holub · Aktualisiert am 4. Juni 2026

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Englisch verfasst und ins Deutsche übersetzt.

Die Bundesnetzagentur hat im Oktober 2024 den Bau eines 9.040 Kilometer langen Wasserstoff-Kernnetzes mit Investitionen von 18,9 Milliarden Euro genehmigt. Erste Abschnitte gehen seit 2025 in Betrieb, die Fertigstellung ist für 2032 vorgesehen. Parallel dazu schreibt die Bundesregierung in der zweiten Gebotsrunde der Klimaschutzverträge ein Fördervolumen von fünf Milliarden Euro aus - und das IW Köln beziffert die Fachkräftelücke in 143 wasserstoffrelevanten Berufen auf rund 49.500 Personen. Zugleich hat ArcelorMittal die Umrüstung der Werke Bremen und Eisenhüttenstadt im Sommer 2025 abgesagt und damit 1,3 Milliarden Euro öffentlicher Förderung zurückgegeben; Topsoe hat seine SOEC-Fabrik im dänischen Herning auf Eis gelegt. Für Bewerber bedeutet das eine zweigeteilte Lage: ein Infrastrukturprogramm, das eine Generation überdauern wird, und ein Industrieumbau, der Projekt für Projekt entschieden wird.

Enertrag Hybridkraftwerk und Wasserstoffzentrum in Prenzlau, Brandenburg

Enertrag Hybridkraftwerk und Wasserstoffzentrum in Prenzlau, Brandenburg. Foto: Molgreen, CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Wasserstoff-Kernnetz und Klimaschutzverträge prägen den Arbeitsmarkt

Wasserstoff ist der politikabhängigste Sektor der Energiewende. Solarenergie und Windenergie tragen sich am Markt inzwischen selbst; grüner Wasserstoff braucht weiterhin Förderung, weil die Gestehungskosten in Europa bei 5 bis 8 USD pro Kilogramm liegen, während grauer Wasserstoff aus Erdgas bei 1 bis 3 USD ankommt. Staatliche Instrumente bestimmen also, wo welche Stellen entstehen.

Solaris Urbino 12 Wasserstoff-Brennstoffzellenbus, eine führende europäische H2-Mobilitätsplattform

Solaris Urbino 12 Wasserstoff-Brennstoffzellenbus, eine führende europäische H2-Mobilitätsplattform. Foto: Jakub Markiewicz / Solaris Bus & Coach, CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Die im Juli 2023 aktualisierte Nationale Wasserstoffstrategie verdoppelte das Ziel für Elektrolyseur-Kapazität auf 10 GW bis 2030 und rechnet mit einem Jahresbedarf von 95 bis 130 TWh - bis zu 70 Prozent davon aus Importen. Die zweite Gebotsrunde der Klimaschutzverträge, von der EU-Kommission im März 2025 genehmigt, stellt fünf Milliarden Euro bereit, davon drei Milliarden im Basisvolumen und zwei Milliarden im Aufstockungsvolumen. Anders als in der ersten Runde sind nun auch CO2-Abscheidung in Zement-, Kalk- und Chemiebranche sowie die Erzeugung von Industriedampf förderfähig. Rund 130 Unternehmen haben sich auf das vorbereitende Verfahren eingelassen, das bis Dezember 2025 abgeschlossen sein muss.

Das Wasserstoff-Kernnetz ist der zweite tragende Pfeiler. 60 Prozent der 9.040 Kilometer entstehen durch Umwidmung bestehender Erdgasleitungen, 40 Prozent sind Neubau. GASCADE hat im Dezember 2025 eine 400 km lange Pipeline von Lubmin nach Bobbau umgerüstet, OGE startete den Bau des ersten dezidierten Wasserstoff-Abschnitts, Thyssengas baut eine grenzüberschreitende Leitung zu den Niederlanden. Nordrhein-Westfalen betreibt heute bereits 240 km Wasserstoffpipelines und will diesen Wert bis 2030 mehr als verdoppeln. Die Bundesnetzagentur legte im Juli 2025 das Hochlaufentgelt fest - ein regulatorisches Detail mit unmittelbaren Folgen für die Investitionsentscheidungen entlang des Korridors.

Drei Produktionswege, drei Berufsbilder

Wasserstoff ist kein einheitliches Berufsfeld; jeder Produktionsweg fordert eine andere Qualifikation.

Globale Wasserstoffnachfrage nach Sektor

Globale Wasserstoffnachfrage nach Sektor. Quelle: IEA, CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Grauer Wasserstoff stellt heute den Großteil. Die Dampfreformierung von Erdgas läuft seit Jahrzehnten in Raffinerien, Ammoniakwerken und der Methanolproduktion. BASF Ludwigshafen, Shell Wesseling und Linde Leuna sind etablierte Standorte. Wer dort als Chemikant, Verfahrenstechniker oder Anlagenmechaniker arbeitet, gehört zur Wasserstoffwirtschaft, ohne es zu nennen.

Blauer Wasserstoff kombiniert dieselbe Reformierung mit CO2-Abscheidung. In Deutschland blieb er bisher Randthema; die Nationale Wasserstoffstrategie räumt ihm den Status einer Brückenlösung ein. Karrieren öffnen sich vor allem für CCS-Spezialisten und geologische Ingenieure, etwa in Norddeutschland mit Anbindung an die Speicheroptionen unter der Nordsee.

Grüner Wasserstoff ist der eigentliche Wachstumsbereich - und der ehrlichere Karrierebau. Die weltweit installierte Elektrolyseur-Kapazität erreichte Ende 2024 rund 5 GW, die globale Fertigungskapazität stieg auf über 40 GW pro Jahr, gebaut wurden allerdings nur 2,5 GW. Ein ganzer Arbeitsmarkt für Elektrolyseur-Ingenieure, Stackmonteure und Betriebstechniker wird von Grund auf aufgebaut. RWE hat im Dezember 2025 die Inbetriebnahme der ersten 100-MW-Phase in Lingen eingeleitet - die Endstufe von 300 MW soll 2027 stehen. Grüner Wasserstoff macht aber weiterhin unter ein Prozent der globalen Produktion aus, weshalb sich Arbeitgeberauswahl und Projektphase auf den Lebenslauf stärker auswirken als die Technologiewahl.

Die Stahlbranche zeigt die Kluft zwischen Plan und Realität

Nirgendwo zeigt sich die Kluft zwischen Strategie und Realität so scharf wie in der Stahlerzeugung. Salzgitter zieht das SALCOS-Programm durch: 2,7 Milliarden Euro Gesamtinvestition, rund eine Milliarde davon öffentlich gefördert, Direktreduktionsanlage und Lichtbogenofen im Bau, ein 100-MW-Elektrolyseur ab Ende 2025 in Betrieb. Die Anlage soll ab 2026 etwa 9.000 Tonnen grünen Wasserstoff jährlich erzeugen, die volle Inbetriebnahme der ersten Stufe ist für 2027 vorgesehen.

ArcelorMittal ist den umgekehrten Weg gegangen. Im Sommer 2025 stoppte der Konzern die Planungen für DRI-Anlagen in Bremen und Eisenhüttenstadt und verzichtete damit auf 1,3 Milliarden Euro zugesagter Bundesförderung - die Bedingung war Baubeginn bis Juni 2025. Begründung des Konzerns: Selbst mit dieser Hilfe sei das Geschäftsmodell wegen unsicherer Wasserstoffpreise und -verfügbarkeit nicht tragfähig. Für Brandenburg und Bremen bedeutet das den Wegfall jener Schlüsselprojekte, an denen die regionale Wasserstoff-Kette hängen sollte; für Bewerber ist es eine Erinnerung daran, dass Förderzusagen keine Bauverträge sind. In Österreich startete voestalpine im September 2024 den Spatenstich für die Pilotanlage Hy4Smelt in Linz - wasserstoffbasierte Direktreduktion plus elektrischer Schmelzprozess, 170 Millionen Euro, Inbetriebnahme 2027.

Wo die Stellen tatsächlich entstehen

Die geografische Konzentration ist deutlich. Nordrhein-Westfalen führt durch bestehende Industrieinfrastruktur und das größte Nachfragepotenzial; das Land plant die Verdopplung seines Pipeline-Netzes auf über 480 km bis 2030. Niedersachsen verankert mit RWE Lingen, dem Industriepark, Salzgitter SALCOS und der Hafenlogistik Wilhelmshaven die zweite Hochburg. Schleswig-Holstein wickelt über das Projekt HyScale100 an der Raffinerie Heide einen 500-MW-Elektrolyseur ab, mit Vision von 2,1 GW; das Land förderte 194 Millionen Euro. Brandenburg setzt nach dem ArcelorMittal-Stopp verstärkt auf den Lausitz-Korridor, etwa SunFire Dresden für SOEC und alkalische Anlagen sowie das geplante Wasserstoffzentrum Cottbus. Hamburg-Moorburg baut am ehemaligen Kohlekraftwerk einen 100-MW-Elektrolyseur; Grundsteinlegung war im Dezember 2025, Inbetriebnahme 2027.

Einzelnes 2 MW Elektrolysemodul zur Produktion von grünem Wasserstoff

Einzelnes 2 MW Elektrolysemodul zur Produktion von grünem Wasserstoff. Foto: Bubble60, CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Für die Norddeutsche Achse arbeiten fünf Bundesländer in der HY-5-Initiative zusammen. Bayern schließt über das Projekt HyPipe Bavaria - 300 km Süddeutschland-Netz bis 2030 - an Österreich an. In der Republik Österreich konzentrieren sich Standorte um Linz (voestalpine, OMV Schwechat in Niederösterreich) und die Steiermark; bis 2026 stehen 820 Millionen Euro Bundesförderung für den Hochlauf bereit, zusätzlich 275 Millionen Euro für vier nationale Großprojekte.

Insgesamt projektiert das IAB im Auftrag des Arbeitsministeriums im Durchschnitt rund 57.000 zusätzliche Beschäftigte durch den Wasserstoffhochlauf bis 2045, mit einem BIP-Effekt von 4,1 Milliarden Euro jährlich. Die ManpowerGroup-Analyse für Deutschland liegt bei 145.000 wasserstoffbezogenen Arbeitsplätzen über 16 Jahre. Welche Zahl näher an der Wirklichkeit landet, hängt vor allem davon ab, wie viele angekündigte Projekte tatsächlich gebaut werden.

Karrieren entlang der Wertschöpfungskette

Industriemitarbeiter inspiziert Maschinen und Prozessrohrleitungen in einer Chemiefabrik

Industriemitarbeiter inspiziert Maschinen und Prozessrohrleitungen in einer Chemiefabrik. Foto: Pexels, Pexels License

Erzeugung

Elektrolyseur-Ingenieure entwerfen und testen die Kernkomponenten - alkalische Systeme, PEM (Protonenaustauschmembran) und entstehende Festoxid-Systeme (SOEC). Die Arbeit verlangt ein Fundament in Elektrochemie oder Chemieingenieurwesen mit Schwerpunkt auf Membranwissenschaft, Katalysatorentwicklung und Stackdesign. Arbeitgeber reichen von Spezialherstellern (thyssenkrupp nucera, Sunfire, Enapter) bis zu Industriekonzernen (Siemens Energy, Linde Engineering).

Betriebstechniker und Prozesstechniker führen Elektrolyseure, überwachen die Wasserstoffreinheit, steuern die Wasseraufbereitung und warten die Peripherie. Erfahrung aus chemischer Produktion oder Gasverarbeitung lässt sich direkt übertragen; der Schichtbetrieb (24/7 bei Kopplung mit Grundlaststrom oder Großspeicher) prägt den Arbeitsalltag.

F&E-Wissenschaftler arbeiten an Verfahren der nächsten Generation: AEM-Elektrolyse, direkte Meerwasserspaltung, photoelektrochemische Zellen und Konversionspfade wie Power-to-X einschließlich E-Fuels. Diese Positionen verteilen sich auf Universitäten, Fraunhofer-Institute und unternehmerische F&E-Zentren.

Transport, Speicherung und Verteilung

Wasserstoffspeicherungsingenieure bearbeiten unterirdische Salzkavernen, Druckgastanks, Flüssigwasserstoffsysteme und entstehende Lösungen wie Metallhydride und flüssige organische Wasserstoffträger (LOHC). Die IEA beziffert die angekündigte Untergrundkapazität auf 11 TWh bis 2035; nur 5 Prozent davon haben eine finale Investitionsentscheidung erreicht. Deutschlands Salzkavernen liegen im europäischen Vergleich vorn.

Ingenieure für Rohrleitungstechnik werden in den nächsten zehn Jahren am stärksten gesucht, weil das Kernnetz parallel zur bestehenden Gasinfrastruktur entsteht. Verlangt sind Wasserstoffversprödung als Materialthema, Hochdruck-Gassysteme und Materialkompatibilität - Kompetenzen, die aus der Öl- und Gasindustrie direkt überführbar sind. Das European Hydrogen Backbone-Konsortium plant 23.000 km Pipeline bis 2040, davon rund 75 Prozent umgewidmet.

Hochspannungs-Elektroingenieure verbinden Elektrolyseure mit erneuerbaren Stromquellen oder dem Übertragungsnetz. Ein 100-MW-Elektrolyseur erfordert Transformatoren, Gleichrichter und Leistungsmanagementsysteme; das Aufgabenprofil überschneidet sich mit der Energiespeicherung und intelligenten Stromnetzen.

Endanwendung

Brennstoffzellen-Ingenieure entwickeln Brennstoffzellen für Fahrzeuge, stationäre Stromversorgung und portable Anwendungen. Die Arbeit umfasst Leistungselektronik, Thermomanagement und Systemintegration. Die stärkste Nachfrage besteht im Schwerlast-Transport - Busse, Lkw, Züge, Schifffahrt - wo batterieelektrische Lösungen an Reichweiten- und Gewichtsgrenzen stoßen.

Techniker für Wasserstoffbetankung installieren und warten die Tankinfrastruktur für Brennstoffzellenfahrzeuge. H2 MOBILITY baut das Netz aus; Air Liquide liefert bis zu 1.000 Tonnen erneuerbaren Wasserstoff pro Jahr an die Stationen.

Industrielle Dekarbonisierungs-Ingenieure ersetzen grauen durch grünen Wasserstoff in Stahlproduktion (Direktreduktion), Ammoniaksynthese und Raffinerieoperationen. Diese Rollen sitzen an der Schnittstelle aus Wasserstoff und klassischer Schwerindustrie; tiefes Prozesswissen wiegt mehr als Wasserstoffspezifik.

Querschnittsrollen

Wasserstoff-Sicherheitsingenieure sind im Markt chronisch unterbesetzt. Die extreme Brennbarkeit des Gases, die nahezu unsichtbare Flamme und die Versprödung von Metallen verlangen dedizierte Sicherheitsexpertise in jedem Projekt - Gefährdungsanalyse, Belüftungsdesign, Leckageerkennung und regulatorische Compliance. Wer einen abgeschlossenen Sicherheitsingenieur-Hintergrund mit Wasserstoff-Spezialwissen verbindet, kann im aktuellen Markt zwischen mehreren Angeboten wählen.

Projektentwickler und Finanzierungsspezialisten strukturieren die kommerziellen Verträge, die Wasserstoffprojekte tragbar machen - Subventionen, Abnahmeverträge, Lieferketten über mehrere Partner. Wer Erfahrung in der Projektfinanzierung erneuerbarer Energien mitbringt, findet hier einen direkten Einstieg in saubere Energielösungen und in den Weg zur Klimaneutralität.

Quereinstieg aus Chemie, Anlagenbau und Öl & Gas

Eine McKinsey-Analyse stuft die Übertragbarkeit von Öl-und-Gas-Kompetenzen auf Wasserstoff als "relativ hoch" ein - die Lücke liegt im wasserstoffspezifischen Anlagenwissen, nicht in den ingenieurischen Grundkompetenzen.

Das BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) hat im H2PRO-Projekt 19 bestehende Ausbildungsberufe als unmittelbar wasserstoffrelevant identifiziert - darunter Chemikant, Anlagenmechaniker, Elektroniker, Industriemechaniker, Mechatroniker und Rohrleitungsbauer. Die zentrale Botschaft der Studie: Neue Ausbildungsberufe sind nicht erforderlich. Die bestehenden Profile bilden eine tragfähige Basis, auf der wasserstoffspezifische Qualifikationen über gezielte Weiterbildung aufbauen.

Direkter Übergang gilt vor allem für:

  • Prozesstechniker und Anlagenfahrer - die operativen Abläufe einer Chemieanlage bleiben gleich, das Medium wechselt
  • Rohrleitungsingenieure - die Versprödung bringt zusätzliche Materialprüfung mit, Inspektions- und Wartungsroutinen ähneln sich
  • HSE-Fachkräfte - Prozesssicherheit ist die Grundlage, Wasserstoff-Spezifik kommt im Aufsatz dazu
  • Maschinenbauingenieure - Kompressoren, Pumpen und Turbinen sind Varianten bekannter Technik

Das Tempo der Umqualifizierung liegt in Wochen bis Monaten, nicht in Jahren. Die Stiftung Arbeit und Umwelt der IGBCE warnt allerdings, dass der Wasserstoffhochlauf in Ostdeutschland am Arbeitskräftemangel zu scheitern droht - dort fällt der Strukturwandel auf einen Demografieeffekt, der die regionale Reserve schmaler macht.

Gehaltsübersicht

Wasserstoffspezifische Gehaltsdaten bleiben lückenhaft, weil viele Positionen unter Chemieingenieurwesen oder Verfahrenstechnik geführt werden. Die folgenden Werte beruhen auf 2025-2026 erfassten Daten für ausgewiesene Wasserstoffrollen.

Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien nach Ländern, auf den die Mutterkraft der grünen Wasserstoffproduktion zurückgreift

Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien nach Ländern, auf den die Mutterkraft der grünen Wasserstoffproduktion zurückgreift. Quelle: Our World in Data, CC BY 4.0

Rolle Deutschland (EUR)
Elektrolyseur- oder Brennstoffzelleningenieur 63.000 - 112.000
Verfahrens- oder Chemieingenieur 47.000 - 77.000
Projektmanager (Wasserstoff) 60.000 - 88.000
Wasserstoff-Prozesstechniker 55.000 - 70.000
Sicherheitsingenieur 51.000 - 88.000

Bruttojahresgehälter in Euro. Die Spanne reicht vom Berufseinstieg bis zur Seniorstufe (über acht Jahre Erfahrung). Technologiestandorte wie München, Stuttgart und Hamburg zahlen typischerweise 10 bis 15 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Spezialisierung auf PEM-Systeme oder Wasserstoffsicherheit bringt weitere 10 bis 20 Prozent. Zum Vergleich: Das deutsche Medianeinkommen lag 2025 bei rund 53.900 Euro brutto. Quellen: SalaryExpert, PayScale, Jobvector (2025/2026).

Der durchschnittliche Sektorlohn im Wasserstoffbereich liegt laut Jobvector bei rund 59.500 Euro brutto jährlich und damit etwa 10 Prozent über dem deutschen Medianeinkommen. Die Bandbreite wächst mit jeder neuen Großanlage; PEM-Spezialisten und ATEX-Sicherheitsingenieure verhandeln derzeit am stärksten.

Arbeitsalltag mit dem brennbarsten Element

Wasserstoff hat auf der NFPA-704-Gefahrenraute die höchste Brennbarkeitsklasse 4 und ist damit in einer Liga, die nur wenige Stoffe teilen. Das ist kein Grund, den Sektor zu meiden; es prägt aber den Arbeitsalltag in jeder Anlage.

Die Physik gibt den Rahmen vor. Wasserstoff brennt über einen extrem breiten Konzentrationsbereich von 4 bis 75 Prozent in Luft, gegenüber 5 bis 15 Prozent bei Erdgas. Seine Flamme ist bei Tageslicht praktisch unsichtbar; als kleinstes Molekül findet er Lecks, die jedes andere Gas zurückhalten würde. Bei vielen Metallen führt Wasserstoffversprödung über Jahre zu einer schleichenden Schwächung der Behälter und Leitungen.

Hochdrucksysteme dominieren den Anlagenbau. Komprimierter Wasserstoff wird in Fahrzeugen bei 350 bis 700 bar gespeichert, in industriellen Anwendungen bei 200 bis 500 bar. Jede Verbindung, jedes Ventil ist ein potenzieller Fehlerpunkt - Leckagedetektion und Druckintegritätsprüfungen gehören zur täglichen Routine.

Wasserstoffproduktionsanlagen sind als ATEX-Zonen klassifiziert; alle elektrischen Betriebsmittel müssen explosionsgeschützt sein, das Personal braucht entsprechende Zertifizierungen. Freischaltverfahren, Arbeitserlaubnissysteme, Notfallübungen und Gasdetektion strukturieren den Tag in der Produktion. Schichtbetrieb mit Zwölf-Stunden-Rotationen ist Standard; Bau und Inbetriebnahme laufen projektbasiert mit längeren Vor-Ort-Einsätzen. Bei Offshore-Wasserstoffproduktion gelten Rotationen ähnlich dem Öl-und-Gas-Sektor (zwei bis drei Wochen auf See, zwei bis drei Wochen frei). F&E und Konstruktion folgen regulären Bürozeiten.

Beim Frauenanteil bleibt der Sektor hinter dem Schnitt zurück. Im erneuerbaren Energiesektor insgesamt liegt der Frauenanteil laut IRENA bei 32 Prozent, in Führungspositionen bei 19 Prozent. In den gewerblichen Wasserstoffrollen, in denen die meisten Stellen entstehen, ist der Anteil noch niedriger. Das Women in Green Hydrogen-Netzwerk arbeitet auf eine Quote von mindestens 30 Prozent hin.

Ausbildung, Studium, Weiterbildung

Deutschlands Hochschullandschaft hat auf den Wasserstoffbedarf reagiert. Die Westfälische Hochschule Gelsenkirchen bietet den Bachelor Wasserstoffsysteme und Erneuerbare Energien zulassungsfrei und in kooperativer Variante mit IHK-Abschluss an. Die THWS Würzburg-Schweinfurt hat den Studiengang Wasserstoff- und Verfahrenstechnik zum Wintersemester 2025/26 erweitert, die TU Braunschweig den B.Sc. Batterie- und Wasserstofftechnologie eingeführt. Insgesamt existieren 17 wasserstoffspezifische Studiengänge in Deutschland. Master-Programme an der TH Ingolstadt, der TH Rosenheim und der DIU Dresden decken die Weiterqualifizierung für Berufserfahrene ab.

Bei der Weiterbildung ist die DVGW H2 Academy zur ersten Anlaufstelle geworden. Sie bietet Zertifikatslehrgänge zur Fachkompetenz Wasserstoff nach den DVGW-Arbeitsblättern G 221 und G 655 - von der Sachkunde für Gasfüllanlagen über die Qualifizierung von Betriebspersonal bis zum Praxisworkshop Gefährdungsbeurteilung. TÜV Rheinland zertifiziert Fachkundige Wasserstoff in Zusammenarbeit mit der Fraunhofer Academy. Die CompEx-Zertifizierung für Arbeiten in explosionsgefährdeten Bereichen (ATEX/IECEx) gilt international als Basis; TÜV Rheinland bietet die IECEx-Personalzertifizierung als deutsches Äquivalent.

Europaweit zählt das Clean Hydrogen Joint Undertaking inzwischen 261 Wasserstoff-Trainingsprogramme - 50 Prozent davon Master-Programme, 33 Prozent berufliche Weiterbildung. Die EU-Initiative GreenSkills4H2 unter Leitung des KIT entwickelt europaweite Berufsbildungs-Curricula für den Sektor.

Wichtige Arbeitgeber

Brennstoffzellenfahrzeuge tanken an der Wasserstoffstation von ITM Power in Sheffield, repräsentativ für die öffentliche H2-Mobilitätsinfrastruktur

Brennstoffzellenfahrzeuge tanken an der Wasserstoffstation von ITM Power in Sheffield, repräsentativ für die öffentliche H2-Mobilitätsinfrastruktur. Foto: CambridgeBayWeather, CC BY-SA 4.0 / Wikimedia Commons

Elektrolyseur-Hersteller

  • Siemens Energy - München und Berlin, PEM-Elektrolyseure aus der 1-GW-Fabrik in Berlin-Moabit (Skalierung auf 3 GW geplant); Joint Venture mit Air Liquide; rund 103.000 Beschäftigte weltweit
  • thyssenkrupp nucera - Dortmund, alkalische Großelektrolyse mit 20-MW-Standardmodul; Auftragseingang im Wasserstoffsegment hat sich Anfang 2026 auf 316 Millionen Euro vervierfacht; 1.093 Beschäftigte
  • Sunfire - Dresden, alkalische und SOEC-Elektrolyseure, 100 MW für GET H2 Nukleus; über 700 Beschäftigte, neues F&E-Zentrum in Dresden
  • Enapter - Hamburg und Saerbeck (NRW), AEM-Elektrolyseure; 165 Prozent Auftragsplus 2024, Produktionscampus in Saerbeck mit 300 MW Jahreskapazität

Vorsicht beim Marktblick: Topsoe hat seine SOEC-Fabrik im dänischen Herning nach der Eröffnung 2024 in den Standby-Modus überführt und 440 Stellen weltweit umstrukturiert; Elogen (Frankreich) hat den Gigafactory-Bau gestoppt und 110 Stellen gestrichen; ITM Power (UK) reduzierte 2024 die Belegschaft um rund 30 Prozent. Der Elektrolyseur-Markt bleibt projektabhängig und volatil.

Industriegase

Pipeline- und Infrastrukturbetreiber

  • OGE (Open Grid Europe) - Essen, Deutschlands größter Fernleitungsnetzbetreiber mit rund 12.000 km; Kernpartner im GET-H2-Netz, 10 Millionen Euro in ein Wasserstoff-Trainingszentrum in Werne investiert; rund 1.650 Beschäftigte
  • GASCADE - Kassel, Flow-Projekt mit 400 km umgerüsteter Pipeline und einer Planung von über 1.600 km insgesamt; rund 550 Beschäftigte
  • Thyssengas - Dortmund, 4.400 km Gasnetz in NRW; baut die grenzüberschreitende Wasserstoffleitung zu den Niederlanden; rund 450 Beschäftigte
  • bayernets - München, baut HyPipe Bavaria als ersten süddeutschen Wasserstoff-Hub, 300 km Netz bis 2030; rund 100 Beschäftigte
  • Gasunie / HyNetwork Services - Groningen, baut das niederländische Wasserstoff-Backbone mit 1.200 km Netz; grenzüberschreitende Anbindung an Deutschland ab 2026

Automobil und Brennstoffzellen

Großprojekte in Deutschland und Österreich

  • GET H2 Nukleus - Lingen (Niedersachsen), Europas größte grüne Wasserstoffanlage; erste 100-MW-Phase in Inbetriebnahme seit Dezember 2025, 300 MW in drei Stufen bis 2027, 492 Millionen Euro Förderung
  • Hamburg Green Hydrogen Hub - Moorburg, 100-MW-Elektrolyseur am ehemaligen Kohlekraftwerk; Grundsteinlegung Dezember 2025, Inbetriebnahme 2027
  • HyScale100 - Heide (Schleswig-Holstein), 500-MW-Elektrolyseur an der Raffinerie Heide, Vision 2,1 GW, 194 Millionen Euro Landesförderung
  • Clean Hydrogen Coastline - Nordwestdeutschland (EWE), vier Teilprojekte von Erzeugung bis Nutzung, 27.000 Tonnen pro Jahr ab 2027
  • AquaVentus - Helgoland (Nordsee), Vision von 10 GW Offshore-Wasserstoff bis 2035 aus Windenergie, über 90 Konsortialpartner
  • SALCOS - Salzgitter (Niedersachsen), erstes deutsches Großprojekt zur wasserstoffbasierten Direktreduktion in der Stahlerzeugung; 2,7 Milliarden Euro Gesamtinvestition, erste Stufe 2027 in Vollbetrieb
  • voestalpine Hy4Smelt - Linz (Oberösterreich), Pilotanlage für wasserstoffbasierte Direktreduktion plus elektrischen Schmelzprozess, Spatenstich September 2024, Inbetriebnahme 2027, 170 Millionen Euro
  • OMV Schwechat - Niederösterreich, 140-MW-Elektrolyseur, finale Investitionsentscheidung Oktober 2024, einer der größten Elektrolyseure in Mitteleuropa
  • Verbund / WIVA P&G - Wien und Steiermark, Wasserstoff-Demonstrationsregion mit über 60 Partnern in Forschung, Erzeugung und Anwendung

Was die nächsten fünf Jahre bringen

Die Klimaschutzverträge entscheiden bis Dezember 2025, welche Industrieprojekte Förderung erhalten und damit, welche Standorte tatsächlich umgebaut werden. Das Wasserstoff-Kernnetz nimmt zwischen 2025 und 2032 Abschnitt für Abschnitt in Betrieb; jeder neue Korridor löst Folgeinvestitionen in Rohrleitungstechnik, Verdichterstationen, Speicher und Anschlussanlagen aus. SALCOS wird ab 2027 zeigen, ob wasserstoffbasierter Stahl in industriellem Maßstab betriebswirtschaftlich trägt; falls ja, wandert ein Teil der gestrichenen ArcelorMittal-Investition als Nachfolgeprojekt in andere Bundesländer.

Anteil des Stroms aus Windenergie nach Ländern, die Mutterindustrie, die grüne Wasserstoffelektrolyseure speist

Anteil des Stroms aus Windenergie nach Ländern, die Mutterindustrie, die grüne Wasserstoffelektrolyseure speist. Quelle: Our World in Data, CC BY 4.0

Die Fachkräftelücke von 49.500 Personen ist dabei kein theoretischer Wert. Sie bezeichnet Stellen, die heute schon ausgeschrieben sind und nicht besetzt werden, vorrangig in der Bauelektrik, der elektrischen Betriebstechnik und im Maschinenbau. Das IW Köln verweist auf 18.177 unbesetzte Ausbildungsplätze in den 143 wasserstoffrelevanten Berufen; weltweit melden 84 Prozent der Arbeitgeber im Sektor Engpässe. Die Bundesregierung hat in der Nationalen Wasserstoffstrategie 4 GW Inlandsproduktion bis 2030 vorgesehen; gemessen am bisherigen Tempo der Inbetriebnahmen liegt der realistische Korridor zwischen 1,5 und 3 GW. Diese Spannweite, kombiniert mit dem Kernnetz-Aufbau, definiert den deutschen und österreichischen Wasserstoff-Arbeitsmarkt für die kommende Dekade - und sie setzt voraus, dass jährlich mehrere tausend Quereinsteiger aus Chemie, Anlagenbau und Öl & Gas qualifiziert nachrücken.

Artikel von Jaroslav Holub · Redaktionell bearbeitet von Rejobs